Artikel im Odenwälder Echo vom 12. Mai 2018 von Sabine Richter

Zwergschulen im Odenwaldkreis: Wenn vier Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet werden

GAMMELSBACH - Ein bisschen ist es wie in Bullerbü: Alle 18 Kinder des Dorfes Gammelsbach sitzen zusammen in einem Klassenzimmer und lesen ihrer Lehrerin Nina Allmann abwechselnd vor. Bei den Kleineren stockt es hie und da, geduldig helfen ihnen die Größeren weiter, die selbst schon zügig aus Buchstaben Worte formen. Die Lernunterschiede lassen sich leicht erklären: "In dieser kleinen Runde hier sehen wir die erste bis vierte Klasse unserer Schule", erklärt die 36-jährige Leiterin der Reinhart-van-Gülpen-Schule: "Bei so wenigen Kindern ist es sinnvoll, alle Jahrgänge gemeinsam zu unterrichten."

Die Grundschule in Gammelsbach ist eine von zwei Zwergschulen im Odenwaldkreis; die zweite steht in Unter-Sensbach, wo derzeit 17 Kinder unterrichtet werden. Es sind gleichzeitig die kleinsten Grundschulen in ganz Hessen, sagt der Schuldezernent des Odenwaldkreises, Oliver Grobeis, der dann von einer Zwergschule spricht, wenn aufgrund geringer Schülerzahlen mehrere Jahrgänge in einem Raum unterrichtet werden. Doch in der Kleinheit liegt auch eine existenzielle Gefahr: Sinken die Schülerzahlen auf weniger als 13, muss eine Zwergschule geschlossen werden, weil das Staatliche Schulamt dann keine Lehrerstellen mehr bewilligt. An der Gammelsbacher Schule war es einmal fast soweit: 2011 zählte sie nur noch 14 Jungen und Mädchen. Doch dann stießen wieder drei dazu, und die Lage entspannte sich. Nach zehn geburtenschwachen Jahren erblicken seit 2012 in dem 900-Seelen-Dorf wieder mehr Babys das Licht der Welt. Oliver Grobeis hatte also Recht, als er seinerzeit voraussagte, dass absehbar wieder 20 Kinder in Gammelsbach Lesen und Schreiben lernen würden. Bis 2024 sollen sogar jährlich bis zu sieben Erstklässler eingeschult werden, teilt die neue Stadt Oberzent der Schule mit. Das freut nicht zuletzt den Dezernenten, der damit auch Chancen für den ländlichen Raum im demografischen Wandel sieht. Denn nur wenn kleine Orte eine gute Infrastruktur bieten, bleiben ihnen die jungen Familien erhalten.

Die Odenwälderin Nina Allmann kam vor zwei Jahren an die Gammelsbacher Grundschule. Wie ihre Vorgängerin Christa Stiebitz-Wilcke gestaltet sie den Unterricht meistens alleine und bereitet jede Stunde vierfach vor, schließlich sitzen in ihrer Klasse eine Erstklässlerin, drei Zweitklässler, acht Drittklässler und sechs Viertklässler. "Auch bei den Klassenarbeiten", sagt sie, "muss ich vier Versionen austeilen."

Doch was passiert, wenn sie mal krank ist? "Dann greift ein Notfall-Konzept, und ich bitte Menschen, die im Vertretungsbereich arbeiten, für mich einzuspringen. Sollte niemand dafür Zeit haben, müssen die Gammelsbacher Kinder mit dem Linienbus nach Beerfelden fahren und sich in der dortigen Grundschule auf mehrere Klassen verteilen lassen." Dieser "Notfall" wird sogar einmal pro Jahr geprobt, ist aber bisher nie eingetreten.

Wenn sie sich auf den Unterricht vorbereitet, schreibt Nina Allmann ein Drehbuch. Darin legt sie beispielsweise fest, was die Abc-Schützen schreiben und die Zweitklässler in dieser Zeit zu tun haben. Getrennt unterrichtet werden sie nur in den Fächern Sachkunde und Englisch. Aus Sicht der Pädagogin profitieren die Kinder sehr von den jahrgangsübergreifenden Flexklassen: Die Kleinen lernen von den Großen, und die Großen wiederholen noch mal das, was sie selbst schon können. Vor allem aber trainieren die Schüler ihre Sozialkompetenz, denn sie helfen sich gegenseitig, erkennen Stärken und Schwächen, und haben jeweils ein Patenkind, dem sie besondere Aufmerksamkeit schenken. Füreinander da sein: Ist dieses Fundament erst gelegt, bleibt es erhalten und unterstützt die Kinder noch, wenn sie längst die weiterführende Schule in Beerfelden oder Eberbach besuchen, wo die Gammelsbacher Zwergschüler den Anschluss gut schaffen. Probleme aber, wie Mobbing oder Konzentrationsschwächen, scheinen ihnen fremd zu sein.

Die gebürtige Michelstädterin Nina Allmann macht keinen Hehl daraus, dass sie dem Charme der kleinen Schule verfallen ist. Aber sie freut sich auch, nicht ganz alleine dazustehen, denn vier Stunden pro Woche genießt sie die Verstärkung einer Kollegin, die ansonsten in Rothenberg unterrichtet. Für den Sport kommt ein angehender Lehrer, der noch studiert, und die Religionsstunden übernimmt Pfarrer Roger Frohmuth. Magdalena Alagöz ist für die Nachmittagsbetreuung bis 14.30 Uhr zuständig. Unverzichtbare Hilfe kommt auch aus der ehemaligen "Schullehrerwohnung" im Obergeschoss des knapp hundertjährigen, roten Schulhauses: Dort nämlich lebt Hildegard Winkelnkemper, die als Hausmeisterin geschätzt ist, aber den Schülern im Handarbeitsunterricht auch das Häkeln beibringt.

In der Weihnachtszeit beehrt sie jedes Kind außerdem mit einem Paar handgestrickter Socken. Sie und Sekretärin Birgit Johe sind so etwas wie die Seelen der Gammelsbacher Grundschule, "und wer weiß, ob es die Zwergschule noch gäbe, wenn wir damals nicht so gekämpft hätten", sagt Birgit Johe rückblickend: Das Jahr 2011 war ein Einschnitt, der schmerzte.

Aber Gammelsbach hat ihn ebenso überstanden wie die Zeit der großen Schulreform in den Sechzigerjahren, als die alten Dorfschulen reihenweise starben, um dem Modell "Mittelpunktschule" Platz zu machen. Das war die Phase, als man das Heil der Bildung in der Idee von Größe und Masse suchte. Damit wurden die neuen Schulen zwangsläufig unpersönlicher, und das Individuum spielte in der Praxis nur noch eine untergeordnete Rolle. Das Glück der heutigen Zwergschule bestand darin, dass sie ursprünglich viel größer war und deshalb bestehen bleiben durfte.

Nun ist die Schülerschar klein, und jedes Kind wird dort intensiv betreut. Jungen und Mädchen mit besonderem Förderbedarf kommen auch in den Genuss von wöchentlich zwei Beratungs- und Förderzentrumsstunden (BFZ), in denen eine Fachkraft mit dem betroffenen Kind ein bestimmtes Thema nacharbeitet. Nina Allmann hätte gerne noch mehr solcher Stundenkontingente gehabt, ist aber hier mit ihrer Zwergschule klar im Nachteil: "Politisch sind solche Maßnahmen für uns oft nicht vorgesehen", sagt sie.

Bei der Bewerbung um eine zusätzliche Sozialpädagogenstelle beispielsweise ging sie leer aus. "Da können wir von Glück reden, dass wir derzeit keine ernsthaften Probleme an unserer Schule haben", sagt sie. Und das liegt zweifellos auch an jenem besagten Bullerbü-Charakter, den dieser Lernort ausstrahlt. Denn der grundsätzliche soziale Zusammenhalt in Schule und Dorf funktioniert.

Inzwischen ist dieser Unterrichtstag fast vorbei, und die Kinder üben in ihrem kleinen Kreis inzwischen das Zeichnen. Hier kann sich keiner vor der Arbeit drücken, Hinterbänkler kennt die Zwergschule nicht. Aber gerade das macht den Schülern offensichtlich großen Spaß. (Text: Sabine Richter, Fotos: Guido Schiek)